Digitalisierte Realität. Verändern Videos die Art und Weise, wie wir unsere (Um)Welt wahrnehmen?

Digitalisierte Realität. Videoreisetagebuch unseres Lebens?In letzer Zeit beschäftigt mich die Frage, wie sehr und ob Videos Einfluss auf unser Leben, unsere Lebensqualität und unsere Erinnerung haben. Leben wir in einer videogesteuerten Welt? Erinnern wir uns basierend auf digitalen Gedächtnisstützen, oder aber prägen diese Gedächtnisstützen unsere Erinnerung so sehr, dass wir alles, das nicht in digitaler Form vorliegt, vergessen?

Videokameras und Geräte mit einer Möglichkeit zur Videoaufnahme werden immer universeller, immer zahlreicher, immer billiger. Was früher einigen Wenigen aufgrund des hohen Preises für Camcorder vorbehalten war, entwickelte sich in letzter Zeit zur Massenware. Jede neue Digitalkamera und sogar Handies verfügen über die Möglichkeit, kürzere oder längere Videos aufzunehmen. Was wir dann mit diesen Videos machen, bleibt uns selbst überlassen.

Entweder lassen wir sie nach der Aufnahme auf einem Speichermedium jeglicher Art „verstauben“ oder aber wir bearbeiten und verschicken sie, laden es auf YouTube, brennen es auf DVD – die Möglichkeiten sind immens. Größere Speichermedien sowie immer billigere und bessere Kameras ermöglichen es uns, mehr Videos in immer besserer Auflösung aufzunehmen.

Während früher unscharfe, farblich verfälschte Fotos unsere Fantasie und auch unsere Erinnerung angeregt haben, gleichzeitig Kunstwerk und Gedächtnissstütze waren, bilden die heutigen Geräte aufgrund neuester Technologien die Wirklichkeit detailgetreu, rational und kalt ab. Jede Lachfalte, jeder unverhohlene Blick und jede Unperfektheit unserer Mitmenschen wird so für immer gespeichert und damit in unser Gedächtnis gebrannt.

Fotografieren wir auf Reisen – oder reisen wir, um zu fotografieren?

Vor Jahren las ich „The Beach“ von Alex Garland, die Romanvorlage zu gleichnamigem Film. Das Buch an sich war eher mittelmässig, doch ein einziger Kommentar des Protagonisten, eines Rucksacktouristen, blieb mir über die Jahre im Gedächtnis. Auf die Frage, warum er reise, wenn er keine Fotos machen würde, antwortete der Rucksackreisende, dass wenn er Fotos machen würde, er sich später allein an die fotografierten Szenen, nicht jedoch an alle anderen Dinge und Orte erinnern könne. Da er sich an alles, das er gesehen habe, erinnern wolle, würde er nie Fotos machen. Fotografieren wir auf Reisen – oder reisen wir, um zu fotografieren?

Videoüberflutete Welt.

YouTube veränderte die Internetwelt. Das exhibitionistische Web 2.0 existierte bereits bevor Google die populäre Videoplattform kaufte, doch erst mit dieser Übernahme bot sich einer großen Menge Menschen der Anreiz und die Möglichkeit, eigene Videos einem Millionenpublikum zu zeigen. Videos im Internet anzuschauen war vor YouTube etwas für Freaks, Halbwüchsige oder Pornoliebhaber. In Zeiten des „neuen“ Internet ist es ein Lebensstil. Wer auf Video gebannt ist oder Videos aufnimmt, lebt.

Alles Digitale ist real, Reales bedeutet nichts, wenn es nicht digitalisiert wurde.

Wieviel sind unser alltägliches Leben und unsere Reisen in diesem Zusammenhang noch wert? Heutzutage muss man nicht mehr reisen, um fremde Orte zu sehen, denn auf YouTube ist von fast jedem Ort der Erde ein Video zu finden. Was bedeutet das wiederum für unsere Erwartungen an das Reisen an sich? Werden wir andere Länder, Kulturen und Orte anders wahrnehmen, weil wir sie, wenn wir uns zum ersten Mal real dort befinden, zuvor bereits digital besucht haben?

Früher besaßen wir vergleichweise wenige digitale Abbildungen der Menschen, die uns etwas bedeuten – manchmal begleitete einen Menschen ein einziges Foto ein Leben lang. Heute produzieren wir nicht nur Stunden, sondern Jahre an Videomaterial und füllen nicht nicht nur Gigabyte-, sondern Terrabyte-grosse Speichermedien mit Momentaufnahmen unseres Leben.

Warum?

Warum nehmen wir Videos auf? Eine ketzerische Frage auf einem Videoschnitt-Blog. Ich persönlich benötige visuelle Gedächtnisstützten, habe Angst, zu vergessen, wenn ich Menschen und Orte nicht digitalisiert habe. In dieser visuell dominierten Zeit fällt es mir schwer, mich ohne Bilder, bewegt oder unbewegt, über große Zeitspannen hinweg zu erinnern.

Werden wir es schaffen, Erinnerung auch ohne ständig abrufbare Visualisierungen bewahren zu können? Vielleicht ist das eine der großen Herausforderungen unserer Generation. Den Augenblick zu genießen und sich dessen bewusst zu sein.

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